Bryan Herbert, Student im CLI-Immersionsprogramm, kam zum ersten Mal mit der James Madison University auf einer dreimonatigen Studienreise nach China. Nach den drei Monaten hatte er jedoch das Gefühl, dass etwas fehlte. Er hatte Hunger auf mehr Kultur, mehr Sprache und mehr Erfahrungen vor Ort. In den CLI Perspectives dieser Woche schreibt Bryan, wie ihn dieser Hunger zurück nach China trieb, wo er jetzt lebt, arbeitet und studiert.
Von Wuhan nach Guilin: Eine Geschichte vom Leben in China
Von Bryan Herbert, Student im CLI-Immersionsprogramm
Während meines ganzen Studiums träumte ich davon, mit dem Rucksack durch China zu reisen. Ich wollte die Schönheit der Landschaft Chinas und die vielen unterschiedlichen Gesichter des Landes sehen. Solange ein solcher Traum nur im Kopf existiert, klingt er nach einem wunderbaren, erholsamen Urlaub. Sobald man ihn aber zu Papier bringt und ein Flugticket kauft, beginnt man an sich zu zweifeln. Will ich das wirklich? Ich werde auf der komplett entgegengesetzten Seite des Planeten sein!

Zum ersten Mal kam ich mit der James Madison University nach China. Ich studierte chinesisches Wirtschaftswesen und reiste drei herrliche Monate lang umher. Ich kann wohl offiziell sagen, dass ich mehr von China gesehen habe als von den Vereinigten Staaten. Doch nach drei Monaten, in denen ich den größten Teil des Landes gesehen hatte und praktisch auf Schritt und Tritt alles vorgekaut bekommen hatte, blieb in meinem Herzen eine gewisse Unzufriedenheit zurück, eine Leere, die gefüllt werden wollte. Ich schätze, das Abenteuer, auf das ich gehofft hatte, wurde durch ein Laborexperiment ersetzt, bei dem man nur hinter einem Einwegspiegel beobachten konnte und der Kontakt zur Umgebung eingeschränkt und schwierig war. Nicht, dass ich diesen Sommer in diesem wunderbaren Land nicht genossen hätte, aber mein Hunger nach Abenteuer blieb ungestillt.
Nach einer kurzen Rückkehr in die USA unterschrieb ich einen Lehrvertrag an einer kleinen Privatuniversität in Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei. Wenn mich jemand fragte, warum ich mich für Wuhan und nicht etwa für Shanghai oder Peking entschieden hatte, antwortete ich: „Haben Sie schon mal von Wuhan gehört?!“ Das war das Abenteuer, auf das ich gewartet hatte. Die meisten Freunde und Verwandten dachten, ich würde in eine Kleinstadt oder sogar in ein Dorf ziehen, aber nein. Ich ging in den Dschungel, und zwar in einen Betondschungel. Wuhan ist außerhalb Chinas nicht besonders bekannt, aber es ist eine große, schmutzige Industriestadt im Herzen des Landes mit rund 12 Millionen Einwohnern. Richtig gelesen: 12 Millionen! Das ist das ECHTE China. Das sind nicht die stark verwestlichten Regionen an der Küste des Chinesischen Meeres, in denen das Leben für Ausländer sicherlich leicht und luxuriös ist. Das war der Alltag, den der durchschnittliche Chinese gewohnt war. Genau das wollte ich.
Nach meiner Ankunft und den ersten Tagen voller Reue freundete ich mich langsam mit meinem neuen Zuhause an. Da Wuhan ein dringend benötigtes U-Bahn-Netz fehlt, ist es ziemlich mühsam, die Stadt zu erkunden. Dennoch habe ich nach sechs Monaten hier noch nicht einmal die Hälfte der Stadt gesehen. Eine Spezialität Wuhans, die heißen trockenen Nudeln, hat mein Herz erobert. Eine Mischung aus Sesampaste, Sojasoße und Essig über kurz gekochten Nudeln mit eingelegtem Gemüse wurde schnell zu meiner ersten Wahl zum Frühstück, Mittag- oder Abendessen – manchmal zu allen dreien. Dieses „Arbeiteressen“ gibt es überall in der Stadt, und jeder behauptet, das beste Rezept zu haben. Die Konkurrenz ist hart, doch die Kunst, heiße trockene Nudeln zuzubereiten, genießt hohes Ansehen. Wer dieses alltägliche Frühstück der Arbeiter probieren will, muss sich ins Herz von Wuhan wagen. Keine andere Stadt in China macht es ganz so.

Im bitterkalten Winter in Wuhan beschloss ich, für einen Monat nach Süden nach Guilin zu ziehen – zum Entspannen, für etwas Wärme und zum intensiven Lernen der chinesischen Sprache. Im Vergleich zu Wuhan hat auch Guilin ein ziemlich köstliches Nudelgericht als Grundnahrungsmittel zu bieten. Die Guilin-Reisnudeln sind nicht zu unterschätzen. Sie kommen mit einer würzig-sauren Soße und mit leckeren Schweinefleischscheiben daher – und man kann sie zu jeder Tageszeit essen. Obwohl Guilin und Wuhan gleichermaßen leckeres Essen haben, sind die beiden Städte sehr verschieden. Guilin ist eine wunderbare Mischung aus lokal und urban, chinesisch und weltoffen, Fantasie und Wirklichkeit. Die majestätischen Gebirgszüge, die direkt aus einem Roman von J.R.R. Tolkien zu stammen scheinen, durchziehen die Stadt nahtlos.

In der Stadt gibt es viele Parks, von denen aus man prima Tageswanderungen auf die Gipfel unternehmen kann – am besten besteigt man so viele wie möglich, denn jeder bietet einen eigenen Blick auf die Stadt. Man muss gar nicht weit von der Haustür weg, um Landschaften zu finden, die einen die geschäftige Welt ringsum infrage stellen lassen. Nach meiner Zeit in Guilin war die Rückkehr nach Wuhan, wo ich bis dahin zu Hause gewesen war, ein harter Weckruf. Ich werde ganz sicher bald nach Guilin zurückkehren, denn meine Fortschritte in Chinesisch waren enorm.

Was die Menschen in Wuhan betrifft, so sind die Feinheiten ihres Alltags für mich ganz fremd und sehr vielfältig. Von einem Ende der Stadt zum anderen, von der Unterschicht, den Tagelöhnern, bis zur Oberschicht, den Regierungsbeamten, spürt man, dass es etwas gibt, das alle von Natur aus zu Wuhanern macht – und zugleich etwas, das sie alle so verschieden macht.
Das einfache Leben, für das sich so viele Menschen entscheiden, wirkt seltsam in einer so schnelllebigen, ständig wachsenden Stadt. Zum Beispiel die Hunderte von Männern und Frauen, die sich auf eigene Faust über die Stadt verteilen und Tag für Tag geröstete Süßkartoffeln aus umfunktionierten 55-Gallonen-Fässern verkaufen. Wer dagegen der Herausforderung gewachsen war und es nach oben geschafft hat, fällt leicht durch protzige Autos und überteuerte Kleidung auf. Der Kampf derer, die in unfassbarem Tempo die soziale Leiter hinaufklettern wollen, stimmt einen hin und wieder traurig. Fast immer sieht man in ihren Gesichtern jedoch den Anflug eines Lächelns, denn die tägliche Routinearbeit, egal welche, hält sie nicht davon ab, die Freuden des Lebens zu genießen.
Ich hoffe, eines Tages nach Wuhan zurückzukehren, und rechne damit, eine ganz andere Stadt vorzufinden als die, in der ich gelebt habe. Ich werde diesen Ort vermissen, aber ich nehme die Erinnerungen an das, was ich gesehen habe, an die Menschen, die ich getroffen habe, und an die Lektionen, die ich gelernt habe, mit.

