Diese Woche geht der Beitrag der University of North Florida zu den CLI Perspectives weiter. Michele Pierson, Trey Brooks und Patricia Willis berichten von ihren Erfahrungen und Gedanken zum Leben als ausländische Minderheit in China. Vom ständigen Wunsch nach gemeinsamen Fotos bis zur uneigennützigen Hilfe von Passanten schreiben sie über die guten, die schlechten und die unschönen Seiten des Lebens als Ausländerin oder Ausländer in China.
Höhen und Tiefen des Minderheitenlebens
Von Michele Pierson, Teilnehmerin der CLI Study Tour

Zur Minderheit zu gehören, war definitiv eine große Umstellung für mich. Mit meiner hellen Haut und meinen offensichtlich westlichen Merkmalen (obwohl einige meiner Schüler mich aus unbekanntem Grund für Chinesin hielten) fiel ich im von den Han dominierten China auf. Hier im Schmelztiegel der Vereinigten Staaten sind alle Ethnien und Kulturen vertreten – vielleicht nicht gleichberechtigt, aber doch präsent in unserer multikulturellen Landschaft. Die Erfahrungen, die ich in China im Hinblick auf mein offensichtliches „Weißsein“ gemacht habe, sind daher letztlich einzigartig für ein Land, das überwiegend von einer Ethnie geprägt ist. Als ich in Peking aus dem Flugzeug aus Newark stieg, setzte sofort der Kulturschock ein. Der Flughafen war voller Tausender Menschen derselben Ethnie, die stehen blieben und uns mit großer Neugier anstarrten. Im Verlauf der Reise baten uns Leute um Fotos, als wären wir Prominente. Jedes Mal, wenn wir ein Gruppenfoto machen wollten, begannen Leute einfach, uns zu fotografieren – und zwar nicht nur ein paar, sondern überwältigend viele.

Irgendwann wurde das frustrierend: Als wir in Guilin waren, machte einer der Freunde eines meiner Schüler alle fünf Sekunden Fotos von uns. Ich bin sicher, dass es irgendwo online Hunderte Fotos von mir gibt, wie ich mí fěn (ein Nudelgericht aus Guilin) schlürfe und im Bus fast hinfalle. Ich konnte nirgendwohin gehen, ohne angestarrt zu werden, manchmal auch ausgelacht, und die Fotos hinderten mich an manchen Aktivitäten, etwa daran, ganz unauffällig in einem Park Leute zu beobachten. Insgesamt war meine Erfahrung als Minderheit in China positiv, was für Angehörige gesellschaftlicher Randgruppen sonst meist nicht der Fall ist. Es wäre spannend, mehr über chinesische Minderheiten wie die Hui zu lernen und ihren Alltag im von den Han dominierten China mit meinen Erfahrungen zu vergleichen. Zwischen westlichen Ethnien und tatsächlichen chinesischen Minderheiten gibt es wahrscheinlich viele Unterschiede, besonders im auf den Westen fixierten China.
Mein Zuhause in der Ferne
Von Trey Brooks, Teilnehmer der CLI Study Tour

Zu den schönsten Dingen an meiner Zeit in China gehörten die Menschen. Die meisten begrüßen einen mit einem Lächeln und scheinen sich aufrichtig zu freuen, dass man da ist. Die Leute geben sich große Mühe, freundlich und zuvorkommend zu sein – etwas, das in den USA selten vorkommt. Ich geriet in einige Situationen, in denen ich als Einheimischer, nicht als Ausländer, frustriert und wütend auf mich selbst gewesen wäre. Nie hatte ich das Gefühl, dass jemand ungeduldig wurde oder sauer auf mich war, weil ich in einer bestimmten Situation etwas nicht wusste. Die Freundlichkeit der Menschen war wirklich erstaunlich und machte meine Erfahrung unvergesslich.

Mein Monat in China war ohne Frage der beste Monat meines Lebens. Diese Reise hat mich in vielerlei Hinsicht verändert. Ich habe viel über mich selbst gelernt und über ein Land, in das ich mich inzwischen verliebt habe. Die Zeit in China hat mir die Augen für eine völlig neue, wunderbare Welt geöffnet, in die ich unbedingt zurückkehren möchte. Es gibt so viel zu erleben und so viel zu lernen, dass man ein ganzes Leben in China verbringen könnte und trotzdem nur an der Oberfläche kratzen würde. Ein einziger Monat in China war bei Weitem nicht genug. Kaum war ich in den USA aus dem Flugzeug gestiegen, vermisste ich China schon. Man hatte uns gewarnt, dass wir nach der Ankunft in China vielleicht Heimweh bekommen und ein wenig schwermütig werden könnten, doch mir ist das nie passiert. Heimweh und Schwermut spüre ich erst jetzt, da ich wieder in den USA bin. Es fühlt sich an, als hätte ich mein Zuhause zurückgelassen.
Eine neue Perspektive
Von Patricia Willis, Teilnehmerin der CLI Study Tour

Ich finde es gut, dass wir uns mit der Frage auseinandersetzen, was es heißt, in China eine ausländische Minderheit zu sein. Für mich war es eine völlig neue Erfahrung, als Außenseiterin angesehen zu werden. In einem Geschäft bin ich in meinem Leben noch nie verfolgt worden, aber in China fand es offenbar niemand seltsam, uns hinterherzulaufen. Andere wiederum haben sich riesig gefreut, uns zu sehen: Sie wollten mit uns Englisch üben, uns im Bus weiterhelfen oder Fotos von uns machen! So merkwürdig das war, ich habe versucht, geduldig mit ihnen zu sein. China ist ein riesiges Land, und die Menschen haben offenbar nicht so viele Möglichkeiten zu reisen und andere Kulturen kennenzulernen wie wir in den USA. Unser „Schmelztiegel“ von einem Land scheint es tatsächlich geschafft zu haben, Amerikaner mit anderen Kulturen in Berührung zu bringen, ohne dass sie dafür reisen müssen.

Wenn ein Ladenbesitzer etwas genervt war, habe ich versucht, ein gutes Beispiel für Amerika zu geben: Ich lächelte und machte deutlich, dass ich mich bemühte, Chinesisch mit ihm zu sprechen und zu verstehen, wie sein Laden und seine Gemeinschaft funktionieren. So schwierig die Verständigung auch war, ich habe die Herausforderung, mit den Menschen zu kommunizieren, sehr gern angenommen. Es war aufregend und anspruchsvoll, aber etwas, das ich meistern musste. Es war regelrecht ein Schock, zurück in den USA wieder mühelos mit den Leuten reden zu können. Ich muss jetzt in der Öffentlichkeit mehr darauf achten, was ich sage, weil andere mich verstehen. Außerdem übe ich inzwischen öfter, Leute auszublenden, damit ich mir nicht das belanglose Gerede eitler Amerikaner anhören muss, nur weil ich verstehe, was sie sagen.
